Lass mal reden über … gekränkte Eitelkeit

„Deine Texte sind zu kompliziert“, eröffnet mir meine bessere Hälfte ganz unvermittelt nach einem unserer gemütlichen Filmabende. Ich schaue ihn verständnislos an. „Wieso kompliziert? Ich schreibe doch ganz normal,“ protestiere ich. Zugegeben, durch mein Germanistikstudium habe ich schon einen ästhetischen Anspruch an das, was ich schreibe. Aber kompliziert? Nein, das sind meine Texte wirklich nicht.

„Ich gebe die ein Beispiel”, sagt mein Mann und zeigt mir einen Satz in einem meiner Blogpost-Entwürfe, der in der Tat über mehrere Zeilen geht und drei eingeschobene Nebensätze hat. Ich bin echauffiert. Gerade dieser eine Satz war mir beim Schreiben besonders witzig und raffiniert vorgekommen.

„Das ist geschwurbelte Scheiße“, sagt der weltbeste Mann. „Wenn du so komplizierte Sätze baust, springen dir mindestens 70 Prozent der Leser ab.“
Ich widerspreche zunächst vehement. Aber irgendwo in meinem Hinterkopf regt sich bereits der Verdacht, dass mein Mann mit seinem Einwand recht haben könnte. Trotzdem verteidige ich meinen Bandwurmsatz weiter: „Ich habe aber doch gar keine schwierigen Worte benutzt. Was also soll an dieser Textpassage kompliziert sein?“ „Dein Satz geht über vier Zeilen und spätestens beim zweiten Nebensatz, weiß keiner mehr, worum es anfangs ging.“ Er fängt an zu lachen. „Komm schon. Du weißt, dass ich Recht habe.“
Ja, ich weiß, dass er recht hat. Aber ich will nicht, dass er recht hat und schon gar nicht mag ich zugeben, dass ich falsch liege. Ich brummel etwas unverständliches in mich hinein. Aber je länger ich über seine Kritik nachdenke, desto weniger kann ich leugnen, dass seine Kritik berechtigt ist. Ich beginne mich zu fragen, was mich eigentlich so ärgert? Ist es verletzte Eitelkeit? Oder vielleicht die Kritik an sich? Normalerweise kann ich recht gut mit Kritik umgehen, warum also regt sie mich jetzt so auf? Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass es gar nicht um diesen einen Satz geht. Dass, was mich stört ist für etwas kritisiert zu werden, bei dem ich mir besondere Mühe gegeben hatte. Und während mir das bewusst wird, bemerke ich wie kontraproduktiv mein Verhalten ist. Dinge werden nicht zwangsläufig gut, nur weil man sich besondere Mühe gibt. Oftmals ist sogar das genaue Gegenteil der Fall. Je mehr man sich auf eine einzelne Sache fokussiert, umso größer ist das Risiko, dass man das große Ganze aus den Augen verliert. Das Ergebnis ist dann in aller Regel durchwachsen bis völliger Mist. Insofern ist es dann besonders sinnvoll auf Kritik zu hören, wenn einem eine Sache besonders wichtig ist. Auch auf die Gefahr hin, dass einem nicht gefällt was man zu hören bekommt.
Es ist inzwischen spät geworden und der weltbeste Mann und ich liegen nebeneinander im Bett. „Du hattest Recht,“ murmle ich in mein Kissen. „Ich weiß”, antwortet er trocken. „Hättest du gleich auf mich gehört, hättest du dich nicht so aufregen zu brauchen.“
„WAAAAHHHHHHHHH”, schreit die Stimme in meinem Kopf. Ich dagegen begnüge mich mit einem leisen „Pfffffft…“

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