Wanderschuhe

Lass mal reden über… Wandern in Norwegen und Schläppchentouristen

„Was machen wir eigentlich morgen?“, fragt mich der weltbeste Mann. „Wir wandern auf den Preikestolen.“
„Aha“, sagt mein Mann. „Was auch immer der Preikestolen ist.”
„Der Preikestolen ist eine Felskanzel über dem Lysefjord. Das ist eine der bekanntesten Wanderungen in Norwegen“, erkläre ich.
„Aha. Und wie lang ist die Wanderung?“
„Nur acht Kilometer“, antworte ich unschuldig.
Der weltbeste Mann legt seinen Kopf schief und schaut mich skeptisch an. „Und wie viele Höhenmeter?“, will er wissen.
Mist, denke ich, inzwischen kennt und durchschaut er meine Tricks einfach zu gut. „Fünfhundert“, murmle ich. „Wie bitte?“ „Fünfhundert“, wiederhole ich nun deutlicher.
„Du musst auch echt aus allem eine sportliche Herausforderung machen“, gibt mein Mann lachend zurück. Gut nur, dass er inzwischen wenigstens genau so gerne wandert wie ich.

Wir starten recht früh am nächsten Morgen, um vor den Touristenmassen auf dem Trail zu sein. Für den Aufstieg wird eine Gehzeit von zwei Stunden angegeben. Anders als in den USA, wo die angegebenen Gehzeiten meist sehr großzügig bemessen waren, sind die Einschätzungen des norwegischen Wandervereins recht präzise. Der Weg ist stellenweise recht steil, aber gut präpariert, so dass er auch für weniger geübte Wanderer zu schaffen ist.
Nach rund zwei Stunden Aufstieg erreichen wir die Kanzel.
„Alter“, kommentiert meine bessere Hälfte, „das ist mal ein geiler Ausblick.“ Ja, ich finde auch, dass diese Szenerie jeden einzelnen Schweißtropfen wert war.

Preikestolen in Norwegen

Bevor wir mit dem Abstieg beginnen, möchte der Mann noch ein paar Drohenshots machen. Da es um uns herum inzwischen doch recht voll geworden ist, gehen wir ein paar Meter vom Hauptweg weg, an eine Stelle, wo wir unsere Ruhe haben. Während der Mann mit der Drohne (O-Ton) „rumballert“ und gleichzeitig über den Hubschrauber schimpft, der ihm sein Flugterritorium streitig macht, liege ich einfach in der Sonne und lasse es mir gut gehen. Ja, genau so habe ich mir Norwegen vorgestellt.

Irgendwann, als meine bessere Hälfte alle drei Drohnenbatterien leer geflogen und diverse Aufnahmen mit seinen zwei anderen Kameras gemacht hat, ist es dann doch Zeit für den Abstieg.
Mittlerweile schieben sich regelrechte Touristenmassen den Berg hinauf. Darunter auch zahlreiche „Schläppchentouristen“ – schlecht vorbereitete Möchtegern-Wanderer, die mit Sandalen oder anderen ungeeigneten Schuhen, schlechter Kleidung und meist viel zu wenig Wasser im Gepäck auf Tour gehen. Hinzu kommt in vielen Fällen auch noch eine mangelnde Kondition.
Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Für mittelschwere Wanderung mit einigen Höhenmetern, wie die Tour zum Preikestolen, muss man echt kein Top-Athlet sein. Ganz im Gegenteil: Es ist total ok, wenn man nicht zwei sondern vier Stunden für den Aufstieg braucht, weil man häufiger mal ne Pause einlegen muss, solange man entsprechend vorbereitet ist. Aber einfach los zu marschieren, ohne sich vorher auch nur ein My (ein paar) Gedanken gemacht zu haben, ist dumm, unvernünftig und unter Umständen sogar gefährlich.

Unser Abstieg hat dann auch mit Wanderfreuden nicht mehr viel zu tun, sondern ist eher eine Art Slalom um die entgegen kommenden Touristen. Irgendwann verliere ich in allem Gewusel meinen Mann aus den Augen. Macht nichts, denke ich, spätestens am Parkplatz werden wir uns wiederfinden.

Nach zweieinhalb Stunden stehe ich endlich wieder am Auto. „Unfassbar! Dank der vielen Schläppchentouristen habe ich ne halbe Stunde länger für den Abstieg gebraucht, als für den Aufstieg. Und dank so ner Mutti, die gegen mich gefallen ist, habe ich mir auch noch das Knie aufgeratscht“, schimpfe ich. Der weltbeste Mann, der bereits seit einer halben auf mich wartet schaut mich belustigt an. „Ohh! Hör ich da etwa ein leises Mutti?“

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