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♥♥ Anna Karenina ♥♥

Anna Karenina, russische Gesellschaftsepos von Lew Nikolajewitsch Tolstoi

Etwa vier lang Jahre stand dieses Buch in meinem Bücherregal. In dieser Zeit habe ich mehrere Anläufe unternommen es zu lesen – mit mäßigem Erfolg – wie ich leider zugeben muss. Nicht, dass mich der Umfang von 1204 Seiten schrecken würde, aber bei den vielen Personen, Handlungsstängen und Schicksalen, verliert man schnell den Überblick, wenn man nicht die Zeit hat das Buch in einem Rutsch zu lesen.
Daher freute es mich um so mehr, dass sich im vergangenen Jahr der Sender NDR Kultur und der Schauspieler Ulrich Noethen dieses Projektes annahmen und in wochenlanger Arbeit eine Hörbuchversion des russischen Klassikers aus dem Jahre 1877/78 produzierten. Das ungekürzte Hörbuch hat eine Spieldauer von sagenhaften 2.214 Minuten (das sind fast 37 Stunden!!!), die auf 30 CDs gebannt wurden.
Seitdem ich mir die mp3-Version des Höchbuchs zugelegt habe, höre ich es bei jeder Gelegenheit – beim Duschen, beim Essen, in der Mittagspause, beim Wäsche auffalten, beim Kochen …. usw. – und bin wirklich begeistert. Ein mal russischer Klassiker für to go, bitte – ich kann’s nur jedem empfehlen!

Zum Inhalt

Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche Familie ist auf ihre Weise unglücklich.

Dieser Satz, mit dem das Romanepos Anna Karenina beginnt, wird später auch als das „Anna-Karenina-Prinzip“ rezipiert und von der Familienpsychologie auf andere Gesellschaftsbereiche (Evolution, Wirtschaftsleben und Projektmanagement) übertragen. [1] Dieses Prinzip besagt, dass eine Vielzahl an Bedingungen erfüllt seien müssen, damit ein Resultat „Glück“ überhaupt erfolgen kann. Solche „Glücksfaktoren“ können zum Beispiel sein: sexuelle Anziehung, Gesundheit, Geldfragen, Glaubenszugehörigkeit, Beruf, Kindererziehung, etc. Ist nur eine einzige dieser Bedingung nicht, oder nur zum Teil erfüllt, kann das Glück sehr leicht in „Unglück“ umschlagen.
Eben dieses Prinzip – das Ringen um Glück und Unglück – ist allen Figuren des Gesellschaftsromans Anna Karenina gemein. Der achteilige Romanerzählt die Geschichten dreier russischer Adelsfamilien: den Die Oblonskijs, den Karenins und den Wronskijs. Die Wege und Erlebnisse der Protagonisten kreuzen einander im Laufe der Romanhandlung auf unterschiedlichste Weisen. Menschen finden zusammen oder entfernen sich voneinander – ganz wie im Realen. Daher zeichnet Tolstois Roman nebenbei zugleich ein Bild der russischen Gesellschaft (maßgeblich der oberen Gesellschaftsschicht) im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Zwei Dinge haben mich bei der Lektüre besonders überrascht. Zum einen die durchaus aufgeklärte Position Tolstois, die durch die Handlung hindurch schein, und die offensichtliche Zeitlosigkeit zwischenmenschlicher Beziehungen.

Lewin war seit drei Monaten verheiratet. Er war glücklich, aber nicht ganz so wie er erwartet hatte. Auf jedem Schritte begegnete er der Enttäuschung in früheren Träumen, doch auch neuen, unerwarteten Reizen. […] Als Junggeselle hatte er oft, auf das Eheleben mit seinen kleinlichen Sorgen, seinem Streit, seiner Eifersucht blickend, geringschätzig in seinem Innern gelächelt. In seinem künftigen Eheleben konnte nach seiner Überzeugung nicht nur nichts Ähnliches existieren […]. Plötzlich aber hatte sich anstatt dessen auch sein Leben mit seinem Weibe nicht nur nicht besonders gestaltet, sondern sich im Gegenteil, gerade aus all jenen kleinlichsten Kleinigkeiten zusammengesetzt, die er vordem so sehr verachtet hatte, die aber jetzt, gegen seinen Willen, eine ungewöhnliche und unabweisbare Bedeutung erhalten hatten.

Na, wem von euch kommt das bekannt vor?
Viele der diskutierten Themen sind gar nicht weit von unserem heutigen Alltag entfernt, obwohl das von Tolstoi dargestellte Gesellschaftspanorama schon rund 136 Jahre her ist. Liebe, Bezeihungen, Familie, Trauer, Tod, Verlust – eben alles, was eine gute Geschichte ausmacht. In diesem Sinne noch mal einen großen Dank an NDR Kultur, die sich der Vertonung dieses Wälzers gestellt haben. Andernfalls hätte Tolstoi wohl noch bis zur Rente ein paar Jahre auf mich warten müssen…
Anna Karenina ein absolut lesens- oder hörenswertes Buch!!

[1] Vgl. Jared Diamond: Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2002.