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Mirko Bonné – Der eiskalte Himmel

Hätte mir jemand damals, als ich diese Buch geschenkt bekam, gesagt, dass ich es regelrecht verschlingen würde – ich hätte es nicht geglaubt.
Ein kurzer Blick auf den Klappentext und ich war mir sicher: Dieses Buch wird eines der Bücher, die ich nach spätestens 50 gelesenen Seiten beiseite lege und für lange zeit nicht mehr anrühre. Schließlich sollte es, soviel ließ die Inhaltsangabe erahnen, um Nautik gehen, um Seefahrer Abenteuer, genauer um die Südpolexpedition von Sir Ernest Shackleton aus dem Jahr 1914.
Pfifft….. ich und Schiffe… wer kommt denn auf so einen Blödsinn!? Also erst mal ab ins Regal mit Bonnés Buch.
Nach einigen Monaten fiel mir das Buch, in Ermangelung anderen Lesestoffes, wieder in die Finger. Ich wagte also den Versuch und wurde mehr als positiv überragt:
Erwartungsgemäß ging es um um Schiffe, um Seefahrerabenteuer und um Sir Ernest Shackleton, also alles Dinge, die mich eigentlich herzlich wenig interessieren und dennoch habe ich dieses Buch geliebt.

Worum es geht:

Mit 17 Jahren heuert Merce Blackboro zum ersten mal auf einem Schiff – dem Frachter dem „John London“ – als Matrose an und endet dort als Küchenhilfe. Vor der südamerikanischen Küste erleidet der Frachter Schiffbruch. Über die Hälfte der Besatzung kommt bei dem Unglück ums Leben. Doch Merce und mit ihm zwölf andere Matrosen werden gerettet und nach Montevideo gebracht. Das Problem an der Sache: Merce sitzt nun in der uruguayischen Hafenstadt fest. Als sein Freund William Backwell, ebenfalls ein ehemaliger Matrose der „John London“, auf der „Endurance“ anheuert, lässt er sich von ihm als blinder Passagier ebenfalls auf das Expeditionsschiff schmuggeln, mit dem der Polarforscher Sir Ernest Shackleton gerade unterwegs zur Antarktis ist. Erst auf hoher See wird der bilde Passagier entdeckt und fortan als Hilfskraft beschäftigt.
Doch Shackletons Expedition die so vielversprechend begann, steht unter keinem guten Stern: Anfang 1915 wird die Endurance für Monate vom Packeis eingeschlossen, für die Besatzung beginnt eine eine Zeit voller Entbehrungen und schließlich ein Kampf ums Überleben.

Mirko Bonnés Roman: „Nie mehr Nacht“

Der Künstler Markus Lee reist im Auftrag eines Hamburger Kunstmagazins, in die Normandie, um dort alte Brücken zu zeichnen, die 1944 bei der Landung der Alliierten an der Nordküste Frankreichs eine entscheidende Rolle spielten. Als er seine Reise antritt, ahnt der Protagonist nicht, dass diese Fahrt eine Flucht werden würde. Wer nun eine draufgängerische, spektakuläre und furiose Geschichte erwartet, den muss ich enttäuschen. Keine äußerlichen Gefahren sind es, vor denen Markus die Flucht ergreift, sondern die inneren Dämonen, die ihn seit dem Selbstmord seiner Schwester Ira nicht mehr los lassen. Jesse, der 15-jährige Sohn seiner toten Schwester, begleitet den Protagonisten auf seiner Fahrt nach Nordfrankreich, um dort seinen besten Freund Niels zu besuchen, der gemeinsam mit seiner Familie während der Herbstferien ein verlassenes Strandhotel hütet.
In der Abgeschiedenheit der Umgebung beginnt Markus Lee zunehmend sich mit der eigenen Psyche auseinander zu setzten. Zunehmend sieht er sich außer Stande seinen Auftrag – die Zeichnungen der Brücken anzufertigen – zu erfüllen. Stattdessen verfolgt er ein neues Ziel: Das Verschwinden. Nicht die Art der Auflösung, die seine Schwester gewählt hat, sondern ein Loslösen von alten Erinnerungen und Besitztümern, ohne die Aufgabe der eigenen physischen Existenz.
Der Roman gliedert sich in drei Teile. Der erste und der letzte Teil spielen in Hamburg, der zweite und längste Teil in der Normandie. Die beiden konstanten Themen, die sich durch alle drei Teile ziehen sind die Brücken, die der Protagonist eigentlich zeichnen soll und der Verlust der seiner geliebten Schwester.

Was das Buch für mich absolut lesenswert macht ist Bonnès ästhetische, unaufgeregte Sprache und die, stets von einer feinen Melancholie durchdrungene, Erzählweise. Die persönliche Tragödie das Protagonisten in einen historischen Zusammenhang einzubetten, dabei das symbolträchtige Motiv einer Brücke als Bindeglied zwischen Historie und Gegenwart zu wählen, war ein gelungner Schachzug des Autoren. Nicht überzeugt hingegen hat mich das Ende der Erzählung. Dieses kommt nach konstruiert und plump daher. Daher meine Empfehlung: Mirko Bonnés Roman „Nie mehr Nacht“, erschienen 2013 im Verlag Schöffling & Co., unbedingt lesen aber das Ende umgehend wieder vergessen.

Hier noch der Klappentext:

Markus Lee reist in den Herbstferien in die Normandie, um für ein Hamburger Kunstmagazin Brücken zu zeichnen, die bei der Landung der Alliierten im Sommer 1944 eine entscheidende Rolle spielten. Lee nimmt seinen fünfzehnjährigen Neffen Jesse mit, dessen bester Freund mit seiner Familie in Nordfrankreich ein verlassenes Strandhotel hütet. Überschattet wird die Reise von der Trauer um Jesses Mutter Ira, deren Suizid der Bruder und der Sohn jeder für sich verwinden müssen. In der verwunschenen Atmosphäre des Hotels L Angleterre entwickelt sich der geplante einwöchige Aufenthalt zu einer monatelangen Auszeit, die nicht nur für Markus Lee einen Wendepunkt im Leben markiert. NIE MEHR NACHT erzählt schonungslos und ergreifend von der Befreiung Frankreichs, bei der zahllose junge Männer umkamen, die kaum älter als Jesse waren. Dem Zeichner aber ist es zunehmend unmöglich, die Verheerungen des Krieges künstlerisch darzustellen. Doch beinahe noch schwerer fällt es ihm, den Tod der geliebten Schwester zu vergessen. Denn während ein dramatisches Kapitel europäischer Geschichte auf unheimliche Weise in ihm auflebt, stellt sich Markus Lee einem Trauma der eigenen Jugend und Abgründen seiner Familie. […]

Es gibt Bücher, die nicht durch große und spektakuläre Geschichten überzeugen, vielmehr sind es die kleinen Dinge, die manchen Erzählungen ihren ganz besonderen Charme verleihen: Eine besondere Sprachmelodie, die Bilder, die eine Geschichte zeichnet, ihre Ästhetik, durch die sie den Leser ihren Bann zieht… eben eine scheinbar so außergewöhnliche Erhabenheit, dass Mann das Buch kaum aus der Hand legen mag.

Meine ganz persönliche Top 4 dieser Bücher:

1. Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
Veröffentlicht: 1984
Autor: Milan Kundera

Dieser Roman des tschechischen Autors Milan Kundera handelt von dem Prager Chirurg Tomas und der Serviererin Teresa, einem ungleichen Paar, dass sich während des kalten Krieges kennen und lieben lernt und dessen Beziehung unglückseliger kaum sein könnte. Dennoch oder gerade vielleicht aufgrund ihrer, von Schmerz und Enttäuschung geprägten und immer wider erschütterten Liebe, bilden Tomas und Teresa eine Einheit, die trotz Tomas‘ Affären und der für Teresa bisweilen unerträglichen Leichtigkeit des Seins Bestand hält.

Ein absolut lesenswertes Buch, dass nicht nur eine ungewöhnliche Liebesgeschichte beschreibt, sondern dem Leser gleichzeitig einen geschichtlichen Einblick in die Irrungen des kalten Krieges zur Zeit des Prager Frühlings (1968) vermittelt.

2. Die Eleganz des Igels
Veröffentlicht: 2006
Autorin: Muriel Barbery

Die 54-jährige Renée liebt ihren Kater Leo Tolstoi, benannt nach dem gleichnamigen russischen Schriftsteller aus dessen Feder unter anderem die Klassiker und Weltbestseller „Anna Karenina“ (1877) oder „Krieg und Frieden“ (1869) stammen. Sie lebt und arbeitet seit 27 Jahren als Concierge in der Rue de Grenelle 7 in Paris. Renée ist alles andere als dumm, gleichwohl gibt sie sich alle Mühe, auf ihre Umwelt einfältig und uninteressant zu wirken, damit sie weitgehend in Ruhe gelassen wird. Positiver Nebeneffekt: Sie kann meist ungestört ihrem liebsten Hobby nachgehen: dem Lesen. Im selben Haus wohnt auch die zwölfjährige Paloma. Obwohl das Mädchen aus guten Hause stammt und einer wohlhabenden und gebildeten Pariser Familie angehört, fühlt sie sich missverstanden und hält die Welt der Erwachsenen für verlogen und oberflächlich. Nein, mit dieser Welt möchte Paloma nichts zu tun haben und fasst daher den festen Vorsatz sich an ihrem 13. Geburtstag das Leben zu nehmen. Die Wende im Leben dieser beiden einsamen Frauenfiguren bringt der der japanische Geschäftsmann Kakuro Ozu, der eines Tages ebenfalls in das Haus in der Rue de Grenelle 7 einzieht. Ihm gelingt es Renée und Paloma auf ihren Schneckenhäusern zu holen. Ende Gut – alles gut?!
Die Antwort findet ihr in diesem wunderbaren Buch von der französischen Autorin Muriel Barbery

3. Wie wir verschwinden
Veröffentlicht: 2009
Autor: Mirko Bonné

Ich gestehe es: selten hat mit ein Schriftsteller so mit seiner Schreibe begeistert und gefesselt, wie der, in Hamburg lebende Schriftsteller Mirko Bonné. Der Roman Wie wir verschwinden ist eine wundervoll melancholische Geschichte von Erinnerung, Freundschaft und Vergessen, zugleich eine Hommage an den Franzosen Albert Camus – einem der wohl bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Bonné erzählt die Geschichte einer Freundschaft, beseelt und beflügelt vom Wunsch des Verschwindens in ein neues Leben, die just an dem Tag ein Ende findet, an dem auch Camus sein Leben bei einem Autounfall verliert.
Ein wirklich großartiger Roman – unbedingt lesen!


4. Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
Veröffentlicht: 1910
Autor: Rainer Maria Rilke

Der Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge ist der einzige Roman des Dichters Rainer Maria Rilke. Das Besondere: Es handelt sich nicht um eine durchgehende Handlung, sondern um einen Tagebuchroman, der sich durch eine bruchstückhafte Aneinanderreihung von Erinnerungen, Einrücken und Reflexionen des Protagonisten Malte Laurids Brigge auszeichnet. Brigge ist 28 Jahre, stammt aus einer dänischen Adelsfamile und hält sich gegenwärtig in Paris auf. Hier lernt er sehen, sagt der Protagonist über Paris. Die Stadt überflutet ihn mit Sinneseindrücken. Er lässt es geschehen – beobachtet und dokumentiert bloß bruchstückhaft seine Eindrücke.
Rilkes Roman thematisiert die komplexen Anforderungen, denen ein Individuums in der Moderne gerecht zu werden versucht: Es geht um Vergangenheit, Fortschritt, Tod und Verfall, Liebe und Religion.

Ich will ehrlich sein: Während der Lektüre habe ich dieses Buch geHASST, diesen weinerlichen, sensiblen Brigge verflucht und dennoch das Buch kaum aus der Hand gelegt. Doch nachdem ich die letzten Zeilen gelesen, das Buch zugeschlagen und meinerseits das Gelesene reflektiert hatte, stellte ich fest, dass ein großes Stück – also eines Individuum in der Realität einer Großstadt, angesichts der Anordnung der Modere – tatsächlich auch in mir steckt.