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Der amerikanische Autor und Journalist Philip Gourevitch reiste erstmals im Mai 1995, also rund ein Jahr nach dem Genozid, nach Ruanda um sich selbst ein Bild von der Lage vor Ort zu machen und mit Augenzeugen zu sprechen. Nach einer drei Jahre dauernden Recherchearbeit veröffentlichte Gourevitch das Buch „Wir möchten Ihnen mitteilen, daß wir morgen mit unseren Familien umgebracht werden: Berichte aus Ruanda“. Die deutsche Übersetzung folge ein Jahr später. Gourevitch unternimmt in seinem Buch den Versuch einer Erklärung: hierfür beleuchtet er die historischen, sozioökonomischen, politischen, und ethnischen Gründe des Völkermords, schildert seine eigenen Eindrücke und die Berichte von Augenzeugen.
Ich möchte einige Zeilen daraus zitieren gleichzeitig darauf aufmerksam machen, dass es sich bei dem nun folgenden Zitat nicht um einen fiktiven Roman, sondern einen Tatsachenbericht handelt.

„Mindestens fünfzig weitgehend verweste Leichen bedeckten den Boden; sie waren mit Kleiderfetzen bedeckt, ihre Habe lag zerschlagen und durcheinandergeworfen herum. Abgeschlagene Schädel waren hierhin und dorthin gerollt. […] Sie rochen nicht. Keine Fliegen summten um sie herum. Sie waren vor dreizehn Monaten getötet worden, und man hatte sie nicht von der Stelle bewegt. An den Gebeinen hingen hier und da noch Hautfetzen, viele Knochen lagen von den Körpern entfernt, abgetrennt von den Mördern oder von Aasfressern – Vögeln, Hunden Käfern. […] Ich war niemals zuvor unter Toten gewesen. Was tun? Hinsehen?“ [Philip Gourevitch: Wir möchten Ihnen mitteilen, daß wir morgen mit unseren Familien umgebracht werden: Berichte aus Ruanda Berliner Taschenbuch Verlag GmbH, Berlin, 2008. S.19f.]

Wie schon bei dem Buch von Roméo Dallaire kann ich nur jedem ans Herz legen, dieses Buch zu lesen – weil es betroffen macht und wachrüttelt. Die Bestie „Völkermord“ ist nicht mit den Nazis 1945 besiegt worden. Es gibt sie noch immer und dieses mal hat die ganze Welt einfach nur zugesehen. Das sollte uns zu denken geben.

Lasst uns über Ruanda reden

Im Osten Afrikas liegt, in der Mitte zwischen Burundi, der Demokratischen Republik Kongo, Uganda und Tansania, das kleine, aber dicht besiedelte Land Ruanda. Ruanda zählt zu den ärmsten Ländern Afrikas, der sogenannte „Human Development Index“ – ein von den Vereinten Nationen jährlich bestimmter Wohlstandsindex für Länder – liegt in Ruanda lediglich bei 0,434. Zum Vergleich: In Deutschland liegt er dagegen bei 0.920, in Norwegen sogar bei 0.955. (Für Interessierte: Hier findet ihr den „Human Development Report 2013“)

Warum ich ausgerechnet über Ruanda schreibe?! Vor einigen Jahren hatte ich mich im Rahmen meines Geschichtsexamens eingehender mit Ruanda, vor allen Dingen unter dem Gesichtspunkt des Völkermords 1994, befassen müssen. Ein unschönes Thema, zugegeben, eins über das man vielleicht gar nicht unbedingt mehr wissen will. Dennoch möchte ich euch in den folgenden Wochen ein paar Bücher über den Genozid in Ruanda ans Herz legen, die ich seinerzeit gelesen habe und die mir nachhaltig in Erinnerung geblieben sind.

Das Thema „Völkermord“ ist nicht mit den Nazis 1945 untergegangen. Damals haben alle weggesehen. Anschließend hat man sich geschworen, so etwas dürfe nie wieder geschehen.
1994 in Ruanda haben alle hingesehen – passiert ist der Genozid trotzdem – was es in meinen Augen fast noch schlimmer macht.

Bücher über Ruanda
Wie es dazu kommen konnte, könnt ihr in den folgenden Büchern genauer nachlesen:

„Handschlag mit dem Teufel: Die Mitschuld der Weltgemeinschaft am Völkermord in Ruanda“ von Romeo Dallaire
„Wir möchten Ihnen mitteilen, daß wir morgen mit unseren Familien umgebracht werden: Berichte aus Ruanda“von Philip Gourevitch
„Ruanda – Der Völkermord und die Beteiligung der westlichen Welt“ von Linda Melvern