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Mirko Bonnés Roman: „Nie mehr Nacht“

Der Künstler Markus Lee reist im Auftrag eines Hamburger Kunstmagazins, in die Normandie, um dort alte Brücken zu zeichnen, die 1944 bei der Landung der Alliierten an der Nordküste Frankreichs eine entscheidende Rolle spielten. Als er seine Reise antritt, ahnt der Protagonist nicht, dass diese Fahrt eine Flucht werden würde. Wer nun eine draufgängerische, spektakuläre und furiose Geschichte erwartet, den muss ich enttäuschen. Keine äußerlichen Gefahren sind es, vor denen Markus die Flucht ergreift, sondern die inneren Dämonen, die ihn seit dem Selbstmord seiner Schwester Ira nicht mehr los lassen. Jesse, der 15-jährige Sohn seiner toten Schwester, begleitet den Protagonisten auf seiner Fahrt nach Nordfrankreich, um dort seinen besten Freund Niels zu besuchen, der gemeinsam mit seiner Familie während der Herbstferien ein verlassenes Strandhotel hütet.
In der Abgeschiedenheit der Umgebung beginnt Markus Lee zunehmend sich mit der eigenen Psyche auseinander zu setzten. Zunehmend sieht er sich außer Stande seinen Auftrag – die Zeichnungen der Brücken anzufertigen – zu erfüllen. Stattdessen verfolgt er ein neues Ziel: Das Verschwinden. Nicht die Art der Auflösung, die seine Schwester gewählt hat, sondern ein Loslösen von alten Erinnerungen und Besitztümern, ohne die Aufgabe der eigenen physischen Existenz.
Der Roman gliedert sich in drei Teile. Der erste und der letzte Teil spielen in Hamburg, der zweite und längste Teil in der Normandie. Die beiden konstanten Themen, die sich durch alle drei Teile ziehen sind die Brücken, die der Protagonist eigentlich zeichnen soll und der Verlust der seiner geliebten Schwester.

Was das Buch für mich absolut lesenswert macht ist Bonnès ästhetische, unaufgeregte Sprache und die, stets von einer feinen Melancholie durchdrungene, Erzählweise. Die persönliche Tragödie das Protagonisten in einen historischen Zusammenhang einzubetten, dabei das symbolträchtige Motiv einer Brücke als Bindeglied zwischen Historie und Gegenwart zu wählen, war ein gelungner Schachzug des Autoren. Nicht überzeugt hingegen hat mich das Ende der Erzählung. Dieses kommt nach konstruiert und plump daher. Daher meine Empfehlung: Mirko Bonnés Roman „Nie mehr Nacht“, erschienen 2013 im Verlag Schöffling & Co., unbedingt lesen aber das Ende umgehend wieder vergessen.

Hier noch der Klappentext:

Markus Lee reist in den Herbstferien in die Normandie, um für ein Hamburger Kunstmagazin Brücken zu zeichnen, die bei der Landung der Alliierten im Sommer 1944 eine entscheidende Rolle spielten. Lee nimmt seinen fünfzehnjährigen Neffen Jesse mit, dessen bester Freund mit seiner Familie in Nordfrankreich ein verlassenes Strandhotel hütet. Überschattet wird die Reise von der Trauer um Jesses Mutter Ira, deren Suizid der Bruder und der Sohn jeder für sich verwinden müssen. In der verwunschenen Atmosphäre des Hotels L Angleterre entwickelt sich der geplante einwöchige Aufenthalt zu einer monatelangen Auszeit, die nicht nur für Markus Lee einen Wendepunkt im Leben markiert. NIE MEHR NACHT erzählt schonungslos und ergreifend von der Befreiung Frankreichs, bei der zahllose junge Männer umkamen, die kaum älter als Jesse waren. Dem Zeichner aber ist es zunehmend unmöglich, die Verheerungen des Krieges künstlerisch darzustellen. Doch beinahe noch schwerer fällt es ihm, den Tod der geliebten Schwester zu vergessen. Denn während ein dramatisches Kapitel europäischer Geschichte auf unheimliche Weise in ihm auflebt, stellt sich Markus Lee einem Trauma der eigenen Jugend und Abgründen seiner Familie. […]