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Mein Lacher des gestrigen Abends:
Edward Snowden has been nominated for a Nobel Peace Prize.
Ich meine: ERNSTHAFT?! Ehrlich, ich habe nichts gegen Herrn Snowden – im Gegenteil –  wir sollten ihm sogar dankbar dafür sein, dass er ausgepackt und uns eine Idee davon gegeben hat, wie es wirklich um die Überwachungs- und Spionagepraktiken der Geheimdienste – NSA, BND, DGSE und Co. – bestellt ist (auch wenn ich persönlich glaube, das es eigentlich noch viel krasser ist, als wir alle vermuten.) Aber dafür einen Friedensnobelpreis?! Gut, in den letzten Jahren wurden immer rund 200 – 240 Menschen für diesen Preis vorgeschlagen, ergo ist es fraglich, ob er wirklich Chancen darauf hat … vielleicht sollte man mal bei der NSA anfragen, die wissen sicher schon mehr…
Andererseits: Obama (2009) und die EU (2012) sind inzwischen auch Preisträger, da frage ich mich, ob man diesen Preis langfristig überhaupt noch erst nehmen kann….
Aber genug davon. Ich wollte schließlich über Nelson Mandela reden – einen Nobelpreisträger, bei dem die Verleihung in meinen Augen auch gerechtfertigt war.
Ich habe bereits vor drei oder vier Jahren seine Autobiographie „Der lange Weg zur Freiheit“ (Long Walk to Freedom) gelesen und kann sie nur jedem weiter empfehlen.
Das rund 860-Seiten starke Buch (ich empfehle daher die Taschenbuch- oder eBook-Version) teilt sich in 11 Teile, entsprechend den 11 Kapiteln der Autobiographie:

1. Eine Kindheit auf dem Lande
2. Johannesburg
3. Die Geburt eines Freiheitskämpfers
4. Der Kampf ist mein Leben
5. Verrat
6. Der schwarze Pimpernell
7. Rivonia
8. Robben Island: Die schwarzen Jahre
9. Robben Island: Wachsende Hoffnung
10. Reden mit dem Feind
11. Freiheit

Der, am 18. Juli 1918 in Mrezo/Transkei geborene, Häuptlingssohn Mandela beschreibt ausführlich seine Kindheit und Jugend, sein Jura-Studium und den Verlauf seiner politischen Karriere. In den 1950’er Jahren kam Mandela durch seinen Freund Walter Sisulu zum African National Congress (ANC) und wurde selbst 1951 zum Präsidenten der ANC Youth League gewählt. 1961 sieht Mandela, nach einem Freispruch in einem langwierigen Prozess gegen ihn wegen Hochverrats, gezwungen in den Untergrund zu gehen, um im Geheimen weiterhin für die Rechte der schwarzen Bevölkerung zu kämpfen. Dies meint er zu diesem Zeitpunkt tatsächlich wörtlich, denn Mandela war mit keineswegs ein südafrikanischer Gandhi. In seiner Autobiographie heißt es: „Wenn die Reaktion der Regierung darin besteht, mit nackter Gewalt unseren gewaltlosen Kampf zu zermalmen, so werden wir unsere Taktik zu überdenken haben.“ [1]
Mandela wird zum Kopf des bewaffneten Flügels des ANC und versucht zudem verstärkt unterstützer im Ausland zu akquirieren. Doch bereits im darauffolgenden Jahr (1962) erfolgt abermals eine Verhaftung. Nach einem zweijährigen Prozess wird Mandela 1964 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Im Weiteren verlauf seiner Autobiographie beschreibt Mandela die folgenden 27 Jahre, die er in Gefangenschaft auf Robben Island, verbringen musste. Berichtet von seiner Entlassung 1991 und seiner Wahl zum Staatsoberhaupt Südafrikas 1994.

Nelson Mandelas Autobiographie ist ein wirklich beeindruckendes Buch und in meinen Augen ein absolutes „Muss“ auf der Liste von Büchern, die man in seinem Leben unbedingt gelesen haben sollte. Der einzige Wermutstropfen: Das Buch verrät wenig über Mandela als Privatperson, aber das muss es vielleicht auch gar nicht. Schließlich hat jeder das recht auf seiner Privatsphäre – nicht wahr liebe Nachrichtendienste?!

[1] Nelson Mandela: Der lange Weg zur Freiheit. Frankfurt a.M., 20. Aufl., 1997, S. 364.

Mirko Bonnés Roman: „Nie mehr Nacht“

Der Künstler Markus Lee reist im Auftrag eines Hamburger Kunstmagazins, in die Normandie, um dort alte Brücken zu zeichnen, die 1944 bei der Landung der Alliierten an der Nordküste Frankreichs eine entscheidende Rolle spielten. Als er seine Reise antritt, ahnt der Protagonist nicht, dass diese Fahrt eine Flucht werden würde. Wer nun eine draufgängerische, spektakuläre und furiose Geschichte erwartet, den muss ich enttäuschen. Keine äußerlichen Gefahren sind es, vor denen Markus die Flucht ergreift, sondern die inneren Dämonen, die ihn seit dem Selbstmord seiner Schwester Ira nicht mehr los lassen. Jesse, der 15-jährige Sohn seiner toten Schwester, begleitet den Protagonisten auf seiner Fahrt nach Nordfrankreich, um dort seinen besten Freund Niels zu besuchen, der gemeinsam mit seiner Familie während der Herbstferien ein verlassenes Strandhotel hütet.
In der Abgeschiedenheit der Umgebung beginnt Markus Lee zunehmend sich mit der eigenen Psyche auseinander zu setzten. Zunehmend sieht er sich außer Stande seinen Auftrag – die Zeichnungen der Brücken anzufertigen – zu erfüllen. Stattdessen verfolgt er ein neues Ziel: Das Verschwinden. Nicht die Art der Auflösung, die seine Schwester gewählt hat, sondern ein Loslösen von alten Erinnerungen und Besitztümern, ohne die Aufgabe der eigenen physischen Existenz.
Der Roman gliedert sich in drei Teile. Der erste und der letzte Teil spielen in Hamburg, der zweite und längste Teil in der Normandie. Die beiden konstanten Themen, die sich durch alle drei Teile ziehen sind die Brücken, die der Protagonist eigentlich zeichnen soll und der Verlust der seiner geliebten Schwester.

Was das Buch für mich absolut lesenswert macht ist Bonnès ästhetische, unaufgeregte Sprache und die, stets von einer feinen Melancholie durchdrungene, Erzählweise. Die persönliche Tragödie das Protagonisten in einen historischen Zusammenhang einzubetten, dabei das symbolträchtige Motiv einer Brücke als Bindeglied zwischen Historie und Gegenwart zu wählen, war ein gelungner Schachzug des Autoren. Nicht überzeugt hingegen hat mich das Ende der Erzählung. Dieses kommt nach konstruiert und plump daher. Daher meine Empfehlung: Mirko Bonnés Roman „Nie mehr Nacht“, erschienen 2013 im Verlag Schöffling & Co., unbedingt lesen aber das Ende umgehend wieder vergessen.

Hier noch der Klappentext:

Markus Lee reist in den Herbstferien in die Normandie, um für ein Hamburger Kunstmagazin Brücken zu zeichnen, die bei der Landung der Alliierten im Sommer 1944 eine entscheidende Rolle spielten. Lee nimmt seinen fünfzehnjährigen Neffen Jesse mit, dessen bester Freund mit seiner Familie in Nordfrankreich ein verlassenes Strandhotel hütet. Überschattet wird die Reise von der Trauer um Jesses Mutter Ira, deren Suizid der Bruder und der Sohn jeder für sich verwinden müssen. In der verwunschenen Atmosphäre des Hotels L Angleterre entwickelt sich der geplante einwöchige Aufenthalt zu einer monatelangen Auszeit, die nicht nur für Markus Lee einen Wendepunkt im Leben markiert. NIE MEHR NACHT erzählt schonungslos und ergreifend von der Befreiung Frankreichs, bei der zahllose junge Männer umkamen, die kaum älter als Jesse waren. Dem Zeichner aber ist es zunehmend unmöglich, die Verheerungen des Krieges künstlerisch darzustellen. Doch beinahe noch schwerer fällt es ihm, den Tod der geliebten Schwester zu vergessen. Denn während ein dramatisches Kapitel europäischer Geschichte auf unheimliche Weise in ihm auflebt, stellt sich Markus Lee einem Trauma der eigenen Jugend und Abgründen seiner Familie. […]

Klappentext:
Nach rund einem Jahrzehnt investigativer Recherche in Kigali, Paris, New York und Brüssel deckt Linda Melvern die Rollen von Vertretern der Vereinten Nationen, wie Boutros Boutros-Ghali oder Kofi Annan, auf und klagt die beteiligten westlichen Institutionen der Komplizenschaft an. Laut ihren Unterlagen bildete das französische Militär die Killer aus. Die USA halten bis heute Abhör- und Satellitenbeweise zurück. Die britische Regierung ignorierte sichere Warnungen, nach denen der Völkermord geplant wurde. Auch die belgische und die französische Regierung waren bereits über die Vorbereitungen informiert. Und der UN-Sicherheitsrat entschied in beschämender Weise, die Friedenstruppen aus Ruanda zu verlegen, obwohl der Völkermord sich abzeichnete. Neben den offiziellen Dokumenten bezieht sich Melvern auf Dutzende Zeugenaussagen vor dem Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda sowie auf das bisher unveröffentlichte Geständnis des damaligen ruandischen Premierministers. Darüber hinaus interviewte sie selbst zahlreiche Überlebende. Ein einzigartiges Buch über das Versagen der UN, die einst mit dem Ziel gegründet wurden, Völkermorde zu verhindern.

 

Alle Fakten, die Linda Melvern in ihrem Buch „Ruanda – Der Völkermord und die Beteiligung der westlichen Welt“ zusammenträgt, wurden von der britischen Journalistin über mehrere Jahre genauestes recherchiert, geprüft und gelegt. Sie liefert damit eine recht umfassende Darstellung der Ereignisse, die 1994 letztlich zum Genozid in Ruanda führten. Ein Zeittafel die vom Beginn des 16. Jahrhunderts bis in die 1990’er Jahre reicht, ordnen den Völkermord in seinen historischen Zusammenhang ein. Das beigefügte Kartenmaterial, so wie ein Personenregister helfen dem Leser zudem die geschilderten Geschehnisse nachzuvollziehen und genannte Personen richtig zuzuordnen.
Unter den drei vorgestellten Büchern liefert Linda Melvern sicherlich die genaueste Darstellung des Genozids in Ruanda. Ihre sachlich nüchterne Schreibe macht es dem jedoch manchmal schwer am Ball zu bleiben.
Dennoch ein äußert Lesenswertes Buch, wenn man sich dem Thema des Völkermords in Ruanda von der wissenschaftlichen Seite aus nähern möchte.

Der amerikanische Autor und Journalist Philip Gourevitch reiste erstmals im Mai 1995, also rund ein Jahr nach dem Genozid, nach Ruanda um sich selbst ein Bild von der Lage vor Ort zu machen und mit Augenzeugen zu sprechen. Nach einer drei Jahre dauernden Recherchearbeit veröffentlichte Gourevitch das Buch „Wir möchten Ihnen mitteilen, daß wir morgen mit unseren Familien umgebracht werden: Berichte aus Ruanda“. Die deutsche Übersetzung folge ein Jahr später. Gourevitch unternimmt in seinem Buch den Versuch einer Erklärung: hierfür beleuchtet er die historischen, sozioökonomischen, politischen, und ethnischen Gründe des Völkermords, schildert seine eigenen Eindrücke und die Berichte von Augenzeugen.
Ich möchte einige Zeilen daraus zitieren gleichzeitig darauf aufmerksam machen, dass es sich bei dem nun folgenden Zitat nicht um einen fiktiven Roman, sondern einen Tatsachenbericht handelt.

„Mindestens fünfzig weitgehend verweste Leichen bedeckten den Boden; sie waren mit Kleiderfetzen bedeckt, ihre Habe lag zerschlagen und durcheinandergeworfen herum. Abgeschlagene Schädel waren hierhin und dorthin gerollt. […] Sie rochen nicht. Keine Fliegen summten um sie herum. Sie waren vor dreizehn Monaten getötet worden, und man hatte sie nicht von der Stelle bewegt. An den Gebeinen hingen hier und da noch Hautfetzen, viele Knochen lagen von den Körpern entfernt, abgetrennt von den Mördern oder von Aasfressern – Vögeln, Hunden Käfern. […] Ich war niemals zuvor unter Toten gewesen. Was tun? Hinsehen?“ [Philip Gourevitch: Wir möchten Ihnen mitteilen, daß wir morgen mit unseren Familien umgebracht werden: Berichte aus Ruanda Berliner Taschenbuch Verlag GmbH, Berlin, 2008. S.19f.]

Wie schon bei dem Buch von Roméo Dallaire kann ich nur jedem ans Herz legen, dieses Buch zu lesen – weil es betroffen macht und wachrüttelt. Die Bestie „Völkermord“ ist nicht mit den Nazis 1945 besiegt worden. Es gibt sie noch immer und dieses mal hat die ganze Welt einfach nur zugesehen. Das sollte uns zu denken geben.

Lasst uns über Ruanda reden

Im Osten Afrikas liegt, in der Mitte zwischen Burundi, der Demokratischen Republik Kongo, Uganda und Tansania, das kleine, aber dicht besiedelte Land Ruanda. Ruanda zählt zu den ärmsten Ländern Afrikas, der sogenannte „Human Development Index“ – ein von den Vereinten Nationen jährlich bestimmter Wohlstandsindex für Länder – liegt in Ruanda lediglich bei 0,434. Zum Vergleich: In Deutschland liegt er dagegen bei 0.920, in Norwegen sogar bei 0.955. (Für Interessierte: Hier findet ihr den „Human Development Report 2013“)

Warum ich ausgerechnet über Ruanda schreibe?! Vor einigen Jahren hatte ich mich im Rahmen meines Geschichtsexamens eingehender mit Ruanda, vor allen Dingen unter dem Gesichtspunkt des Völkermords 1994, befassen müssen. Ein unschönes Thema, zugegeben, eins über das man vielleicht gar nicht unbedingt mehr wissen will. Dennoch möchte ich euch in den folgenden Wochen ein paar Bücher über den Genozid in Ruanda ans Herz legen, die ich seinerzeit gelesen habe und die mir nachhaltig in Erinnerung geblieben sind.

Das Thema „Völkermord“ ist nicht mit den Nazis 1945 untergegangen. Damals haben alle weggesehen. Anschließend hat man sich geschworen, so etwas dürfe nie wieder geschehen.
1994 in Ruanda haben alle hingesehen – passiert ist der Genozid trotzdem – was es in meinen Augen fast noch schlimmer macht.

Bücher über Ruanda
Wie es dazu kommen konnte, könnt ihr in den folgenden Büchern genauer nachlesen:

„Handschlag mit dem Teufel: Die Mitschuld der Weltgemeinschaft am Völkermord in Ruanda“ von Romeo Dallaire
„Wir möchten Ihnen mitteilen, daß wir morgen mit unseren Familien umgebracht werden: Berichte aus Ruanda“von Philip Gourevitch
„Ruanda – Der Völkermord und die Beteiligung der westlichen Welt“ von Linda Melvern